Perspektiven von Meditation für Unternehmen

Iris Hobler Achtsamkeit, Buchtipp, Führung, Unternehmen

Die Abteilung „Unternehmen und Achtsamkeit“ in den Bücherregalen ist überschaubar; ein Themengebiet, das ganz am Anfang steht. Mit Achtsamkeit in Führung, Was Meditation für Unternehmen bringt ist eine von einer Handvoll Publikationen. Ich bin sicher: Das wird sich in den nächsten Jahren ändern. So lange bleibt das von Paul J. Kohtes und Nadja Rossmann 2014 herausgegebene Buch eine Art Orientierungswerk.

Zu Beginn erläutern die Autoren die verschiedenen Methoden, Wirkungen und wissenschaftlichen Befunde rund um Meditation und Achtsamkeit. Dieser Part ist so etwas wie die Karotte des Buches: Wer kann schon abwinken, wenn er liest, dass der meditierende Manager das Leistungspotenzial seines Gehirns stärker ausschöpft und die Basis legt für ein kontinuierliches Wachstum seiner Persönlichkeit? Dass er Krisen besser meistern, Empathie vertiefen und Entscheidungen klarer und autonomer treffen kann?

Entscheidend bei allem ist das Wörtchen „kann“. Achtsamkeit ist ein Potenzial – keine Sache, die ich erreiche, wenn ich auf den richtigen Knopf drücke oder ab sofort jeden Tag eine Stunde meditiere. Dieser Sachverhalt – gewissermaßen die Qualität einer achtsamen Haltung – wird in der Publikation eher zaghaft beleuchtet. Damit besteht die Möglichkeit (zu) hoher Erwartungen und einseitiger Verkürzung auf eben jene verlockenden Effekte, letztlich einer unzulässigen Instrumentalisierung. Auch eine kritische Einordnung der mannigfaltigen Studienergebnisse erwartet die Leserin vergebens.

Keine kritische Diskussion

Ausführlich beschreiben Kohtes und Rosmann die Perspektiven von Meditation in der Arbeitsrealität, ordnen sie in Unternehmenskultur und Wertehorizonte ein und diskutieren sie in verschiedenen Spannungsfeldern. Sie erörtern mögliche Settings der Umsetzung und reflektieren knapp die strukturellen Herausforderungen, mit denen Achtsamkeit und Meditation in Unternehmen konfrontiert sein können – auch hier weniger mit dem Anspruch der kritischen Diskussion, sondern eher in Form von Impulsen, die der Leser für sich vertiefen mag.

Die Effekte von Achtsamkeitspraktiken über den Einzelnen hinaus auf die Organisation und die Kultur von Unternehmen wird zweifellos eines der ganz spannenden Zukunftsthemen sein. Denn genau hier liegt ja das möglicherweise riesige Potenzial der Achtsamkeit: in der Entwicklung von Alternativen zu einseitiger Leistungsorientierung, Input-Output-Denken, Maximen von Effizienz und Beschleunigung.

Im zweiten Teil des Buches stellen die Autoren dann so genannte Best Practices vor: Angebote und Projekte, die Themen wie Führungskräfteentwicklung, Leadership, Burn-out-Behandlung oder Prävention besetzen. Ob die Autoren sie qualitätsgeprüft haben, bleibt unklar. Irritation kommt am Schluss des Buches bei den Literaturhinweisen noch einmal geballt auf: extrem Kohtes-zentriert ...

Fazit: viele Anregungen, geballter Diskussionsstoff – mit einer gesunden Portion Skepsis zu lesen.

Paul J. Kohtes, Nadja Rosmann: Mit Achtsamkeit in Führung, Klett-Cotta 2014.