Der Autopilot: eine kleine Polemik

Iris Hobler Automatismen, Autopilot

Au | to | pi | lot, der; ein Zustand, in dem wir auf äußere und innere Reize automatisch reagieren, ohne uns dessen bewusst zu sein. Unsere übliche menschliche Seins-Weise, privat wie beruflich.

Er ist der Gegenspieler der Achtsamkeit: der Autopilot. Gut, dass wir ihn haben – denn es wäre schwierig, wenn wir uns alles, was zur täglichen Routine gehört, immer erst neu vergegenwärtigen, es neu lernen müssten. Der Autopilot ist verantwortlich für die nahezu reibungslose Parallelität von notwendigen, mechanischen Handlungen und dem unendlichen Strom an Gedanken. Reibungslos? Na, ist doch prima.

Nein, leider nicht. Der erste Gedanke beim Aufstehen ist der an das Meeting um 10 Uhr. Beim Duschen strukturieren Sie schon einmal das bevorstehende Mitarbeitergespräch. Während des Frühstücks schicken Sie übers Tablet einige Mails mit Arbeitsaufträgen an Ihr Team; auf der Autofahrt hören Sie den dritten Teil der Selbstlern-CD Business English (und ärgern sich lautstark über den Idioten, der die Lkw im Schneckentempo überholt), und beim Einparken in der firmeneigenen Tiefgarage werden Sie erneut wütend bei der Erinnerung an das letzte Gespräch mit Ihrem neuen Vorgesetzten.

Der Moment ist verloren

Sie tun noch vieles mehr an diesem Tag – und das, was Sie tun, läuft mehr oder weniger mechanisch ab. Während Ihre Gedanken ständig flitzen: zu vergangenen Situationen – oder zu zukünftigen. Das Einzige, was Sie nicht wahrnehmen, das ist das, was sich im gegenwärtigen Moment ereignet. Die körperliche Empfindung in der Phase des Wachwerdens; das Gefühl des Wassers auf der Haut beim Duschen; den fruchtig-nussigen Geschmack des Müslis; die Farben der Landschaft, die Sie mit dem Auto durchqueren; das fröhliche Lächeln des Kollegen, während er Sie grüßt …

Wie schade, denn es ist doch immer der gerade stattfindende Moment, in dem wir leben. Die Vergangenheit ist passé; die Zukunft unklar. Wie oft sind Pläne und Vorhaben für morgen genauso eingetreten, wie Sie sie geplant haben? Wer den Augenblick nicht wahrnimmt, verpasst das Leben. Verliert den Kontakt zu sich selbst: zum Körper, zu Gefühlen, zu jeder Art geistiger Aktivität. Und das wiederum ist für Stress und andere Belastungen ein wunderbar großes Einfallstor.

Das Gegenmittel ist das kleine Wort mit den fünf Buchstaben: Jetzt. Lernen Sie, im Jetzt zu leben, den unmittelbaren, gegenwärtigen Moment wahrzunehmen. Achtsamkeit entlarvt den Autopiloten als oberflächlichen Zeitgenossen. Achtsamkeit ist eine grundsätzlich andere Haltung zum Leben: Sie führt direkt zu mehr geistiger Klarheit. Und ist nicht gerade Klarheit eine Tugend im Geschäftsleben? Trifft nicht gerade derjenige gute unternehmerische Entscheidungen, der sich auf die Dinge beziehen kann, wie sie tatsächlich sind? Und der eben nicht von Automatismen beherrscht wird.