Apptimiere mich!

Iris Hobler App, Führung, Leistung, Performance

Wie schön ist das, wenn mir jemand sagt, wie ich in sieben Schritten meine rhetorischen Fähigkeiten ausbauen kann! Oder wie ich mit nur vier Regeln die erfolgreichste Kaltakquise unter der Sonne hinlege. Oder in drei Wochen und mit sechs Übungen meine Gedächtnisleistung um mehr als die Hälfte steigere. Es vergeht kaum ein Tag, in dem nicht irgendein Newsletter mit diesen einstelligen Zahlen lockt, die versprechen: Das schaffst Du! Apps zur Selbstoptimierung sind die Steigerung solcher Versprechen. Einfach nur runterladen und nutzen und automatisch besser werden.

Ich bin – sagen wir – mit meiner Fähigkeit, mich selbst zu steuern, nicht so ganz zufrieden. Selbststeuerung = die Fähigkeit, über mein eigenes Verhalten den Überblick zu haben, es zu bewerten und gezielt zu verändern. Grob gesprochen. Wichtig für mich als Führungskraft. Also lade ich mir einen kleinen Assistenten auf meinen größeren Assistenten, füttere ihn mit Informationen – und im Handumdrehen erhalte ich Empfehlungen, wie ich ein Vorgesetzter werde, der sich besser steuern kann. Der „einen besseren Überblick über seine Performance hat und mit sich selbst achtsamer umgehen kann“.

Wow. Was für ein Versprechen. Und wie interessant, dass „Performance“ und „Achtsamkeit“ wie selbstverständlich in einem Satz genannt werden! Aus Sicht der Achtsamkeit gibt es allerdings Bedenken anzumelden.

Erstens: Das, was ich in die App eingebe, ist meine Sicht der Dinge. Und wenn ich zu den Managern zähle, die unter Dauerfeuer stehen, kann das eine ziemlich (stress-)verzerrte Sicht sein. Wie aber soll sich bei der Reproduktion einer verzerrten Wahrnehmung eine gute Empfehlung ergeben?

Zweitens: Wenn ich die Hoffnung habe, stressige Situationen per App besser handhaben zu können, dann entmündige ich mich selbst. Ich gebe eigene Kompetenzen ab: die der Selbstreflexion und der Fähigkeit, zu meinen persönlichen Stressmustern Distanz aufzubauen.

Und das ausgerechnet an ein Instrument, das mehr uns beherrscht als umgekehrt – womit ein dritter kritischer Punkt genannt ist. Dem permanenten Griff zum Smartphone attestiert jüngere Forschung durchaus Suchtcharakter. Also mechanisches, unbewusstes Verhalten: Das komplette Gegenteil von bewusster Steuerung meiner selbst. Kann das funktionieren?

Eine Alternative, die nicht 4.0 ist: ein Stuhl; eine Viertelstunde wahrer Ruhe; ein wenig Anleitung, wie wir mit dem umgehen können, was sich zeigt, wenn wir bewusst innehalten und (scheinbar) nichts tun. Das allerdings ist nicht in zwei Tagen oder Wochen abgehakt:
Es geht um nicht weniger als die bewusste Entscheidung, im eigenen Leben dauerhaft Raum zu schaffen. Unabhängig von technischen Hilfsmitteln.

Ich kann tatsächlich allein meinen Fähigkeiten vertrauen.