Slow Travel - Die Kunst des Reisens

Sabine Greuling achtsames Reisen, Buchtipp, Entschleunigung, Urlaub

Seine Flugangst und wachsende Kritik am konsumorientierten Reisen nahm Dan Kieran als Herausforderung und entwickelte seine Philosophie des Reisens. Slow Travel – das ist ein Loblied auf das Ungeplante, das Spontane, das Loslassen.

Es geht Kieran beim achtsamen Reisen um eine Haltung der verfeinerten Wahrnehmung. Urlaub, verstanden nicht als Flucht aus dem Alltag, als escape, sondern Reisen als Möglichkeit, bei sich selbst anzukommen: inscape.

Der Leser wird angeregt, das eigene Urlaubsverhalten kritisch zu hinterfragen. Wann beginnt die schönste Zeit des Jahres? Erst bei Ankunft am Urlaubsort? Geraten wir womöglich ins „Urlaubs-Hamsterrad“ bei der akribischen Planung und Vorbereitung? Alle Sehenswürdigkeiten abgehakt und alle Fotos gemacht?

Bloß nicht schnell ankommen

Wie wäre es, den Fotoapparat, das Handy und das Portemonnaie einmal im Hotel zu lassen, und sich durch Straßen oder Landschaft treiben zu lassen? Einen Ort mit allen Sinnen aufzunehmen, das geht laut Kieran nur, wenn wir einen Gang runterschalten. Navigationsgeräte? Smartphones? Das sind für ihn die Feinde des Reisens.

Möglichst schnell ankommen, das ist ihm zuwider: Er möchte Lust darauf machen, das Unterwegssein zu genießen. Die sieben Kapitelüberschriften des 219 Seiten starken Taschenbuchs lassen sich gut als Merkliste ins Urlaubsgepäck stecken:

  • Reise nicht nur, um anzukommen
  • Bleib zu Hause
  • Sei dein eigener Reiseführer
  • Heiße Katastrophen willkommen
  • Folge deinem Instinkt
  • Verliere nie den Kopf
  • Sei abenteuerlustig

Herrlich undogmatisch kommt es daher, das erzählende Reisebuch. Wir erleben sie mit, die ungeplanten Ereignisse auf Kierans Reisen, die mitunter an Szenen aus Filmen von Monty Python erinnern. So bricht er entgegen aller Wetterwarnungen in die schottischen Highlands auf, um Goldadler zu beobachten. Oder startet mit zwei Freunden eine Tour in besagtem elektrischem Milchwagen, ohne Proviant und Plan. Während alle seine Freunde innerhalb von zwei Stunden von London nach Warschau zu einer Hochzeit fliegen, ist er tagelang mit Zügen unterwegs.

Er erlebt Unwägbarkeiten, Hilfsbereitschaft, eine atemberaubende Natur, das alles jenseits bekannter Wege und außerhalb der Komfortzone. Ver-rückt im wahrsten Sinne des Wortes.

Urlaub ist (auch) Kopfsache

Interessant sind die Erkenntnisse der Neurowissenschaft. Während die linke Gehirnhälfte nämlich den Urlaub plant und bucht, langweilt sich die rechte Hälfte, die nach Abenteuer und Intuition giert. Was wir also im Urlaub brauchen, ist eine Kombination aus Ordnung und Unbekanntem.

Begeistert hat mich sein Bericht und seine Anleitung zur Unternehmung „Bleib zu Hause“. An einem Samstag habe ich das ausprobiert: ohne Handy, Plan, Uhr und Geld bin ich eine Strecke gelaufen, die ich sonst nur mit dem Auto bewältige. Ich war den halben Tag unterwegs und habe meinen Stadtteil völlig neu erlebt. Habe Dinge entdeckt, an denen ich sonst achtlos vorbeifahre. Abends kam ich glücklich zurück: den Kopf frei und eine Blase am Fuß.

Wer Lust hat, die Kunst des Reisens (neu) zu entdecken und eine achtsame Perspektive zu entwickeln, wird diese kurzweilige Lektüre mit Gewinn lesen und Spaß haben.
Dan Kieran: Slow Travel, Heyne, 2014, ISBN 978-3-453-41797-7, 9,99 Euro